Wer in Wien am Wochenende über den Flohmarkt am Naschmarkt schlendert, sieht ein Bild, das sich in den vergangenen Jahren verändert hat: Zwischen den Ständen mit altem Geschirr und Schallplatten stehen heute auffallend viele junge Menschen, die gezielt nach Kleidung suchen. Was früher als Notlösung oder Nische galt, ist zum eigenen Markt geworden. Gebrauchte Mode wird verkauft, getauscht und weiterverschenkt – am Standl, im Sozialkaufhaus und vor allem am Handy. Der Secondhand-Handel hat in Österreich einen festen Platz erobert, getrieben von Preisbewusstsein, Umweltüberlegungen und der schlichten Bequemlichkeit einer App, die das Wohnzimmer zum Marktplatz macht.
Vom Standl zum Sozialkaufhaus
Der österreichische Secondhand-Markt ist nicht neu, er ist nur sichtbarer geworden. Flohmärkte gehören in Wien, Graz, Linz und Salzburg seit Jahrzehnten zum Stadtbild, und karitative Organisationen betreiben ein dichtes Netz an Läden. Die Caritas führt unter dem Namen carla zahlreiche Shops und Sortierbetriebe im ganzen Land, die Volkshilfe und das Rote Kreuz unterhalten eigene Sammel- und Verkaufsstrukturen. Diese Einrichtungen erfüllen eine Doppelfunktion: Sie finanzieren soziale Projekte und beschäftigen Menschen, die am regulären Arbeitsmarkt schwer Fuß fassen, und sie halten Tonnen von Textilien im Kreislauf, die sonst entsorgt würden.
Die Mengen sind beträchtlich. Nach Angaben des Umweltbundesamtes fallen in Österreich pro Jahr im Schnitt mehrere Kilogramm Alttextilien pro Kopf an, ein erheblicher Teil davon landet in den Altkleidercontainern, die viele dieser Organisationen betreiben. Was dort eingeworfen wird, ist allerdings nicht durchwegs tragbar: Ein wachsender Anteil ist so abgenutzt oder von so geringer Ausgangsqualität, dass er sich nicht mehr zum Weiterverkauf eignet und bestenfalls noch als Putzlappen oder Dämmmaterial verwertet werden kann. Die Sortierbetriebe trennen daher penibel zwischen dem, was wieder in den Verkauf geht, dem, was exportiert wird, und dem, was im Restmüll endet.
Vinted und willhaben verschieben den Markt
Den größten Schub bekam der Gebrauchtmarkt durch Plattformen. willhaben ist in Österreich seit Langem die Anlaufstelle für Kleinanzeigen aller Art, Kleidung inklusive, und erreicht eine breite Bevölkerung quer durch alle Altersgruppen. Den Mode-Secondhandmarkt im engeren Sinn hat aber die App Vinted geprägt, die ursprünglich aus Litauen stammt und im deutschsprachigen Raum stark gewachsen ist. Ihr Prinzip ist einfach: Privatpersonen fotografieren ein Kleidungsstück, setzen einen Preis, und die Plattform wickelt Bezahlung und Versand ab. Für Käuferinnen und Verkäufer entfällt der Gang zum Markt, der gesamte Handel passiert digital.
Diese Verlagerung hat den Charakter des Secondhand-Kaufs verändert. Statt zu stöbern und zufällig fündig zu werden, sucht man gezielt nach Marke, Größe und Farbe. Das macht den Markt zugänglicher, vor allem für jüngere Konsumentinnen, und es professionalisiert ihn. Manche Verkäufer betreiben praktisch kleine Onlineshops, kaufen günstig ein und verkaufen weiter. Damit verschwimmt die Grenze zwischen privatem Aussortieren und gewerblichem Handel – ein Punkt, der auch steuerlich und rechtlich zunehmend Aufmerksamkeit bekommt, sobald aus dem Ausmisten ein regelmäßiges Geschäft wird.
Warum gebraucht ökologisch sinnvoll ist
Der Umweltnutzen von Secondhand-Mode hängt direkt an der Frage, wie viel neue Kleidung dadurch nicht produziert wird. Die Herstellung von Textilien ist ressourcenintensiv: Baumwollanbau verbraucht große Mengen Wasser, synthetische Fasern basieren auf Erdöl, und Färben sowie Veredeln belasten Gewässer. Umweltorganisationen wie Greenpeace verweisen seit Jahren darauf, dass die Modeindustrie zu den emissionsstärksten Branchen zählt und dass ein wachsender Teil der produzierten Kleidung nur kurz oder gar nicht getragen wird.
Der Begriff Fast Fashion beschreibt genau dieses Modell: sehr günstige Kleidung, in rascher Folge neuer Kollektionen, mit kurzer Lebensdauer. Greenpeace und andere kritisieren, dass die niedrigen Preise die ökologischen und sozialen Kosten nicht abbilden. Jedes Kleidungsstück, das ein zweites oder drittes Leben bekommt, ersetzt potenziell ein neu produziertes – das ist der eigentliche Hebel. Allerdings nur, wenn der gebrauchte Kauf tatsächlich an die Stelle eines Neukaufs tritt. Wer zusätzlich konsumiert, weil gebrauchte Ware so billig ist, verschiebt die Bilanz. Secondhand entfaltet seinen Vorteil also vor allem dann, wenn er das Gesamtvolumen des Konsums dämpft und nicht bloß ergänzt.
Das Problem mit dem Textilmüll
Am Ende der Kette steht ein Problem, das durch den Boom an billiger Kleidung größer geworden ist. Ein erheblicher Anteil der über Container und Shops gesammelten Textilien wird ins Ausland exportiert, viel davon nach Osteuropa und Afrika. Lange galt das als sinnvolle Weiterverwendung. Heute zeigt sich, dass die Mengen und die sinkende Qualität die aufnehmenden Märkte überfordern: Was nicht verkäuflich ist, landet dort auf Deponien oder wird verbrannt. Recherchen von Umweltorganisationen und Berichte des Umweltbundesamtes weisen darauf hin, dass die schiere Masse an minderwertiger Fast Fashion das Sammelsystem an seine Grenzen bringt.
Die Europäische Union hat darauf reagiert. Seit 2025 sind die Mitgliedstaaten, auch Österreich, verpflichtet, Alttextilien getrennt zu sammeln. Damit soll mehr Material gezielt sortiert und im Kreislauf gehalten werden, statt im Restmüll zu verschwinden. Parallel arbeitet die EU an einer erweiterten Herstellerverantwortung, die Modeunternehmen stärker an den Entsorgungskosten beteiligen würde. Ob diese Regeln den Textilberg tatsächlich abbauen, hängt davon ab, wie gut Sammlung, Sortierung und Wiederverwertung ineinandergreifen – und ob weniger, dafür haltbarere Kleidung produziert wird.
Worauf man beim Kauf achten kann
Gebraucht zu kaufen heißt, genauer hinzusehen, weil es keine Garantie und oft keine Rückgabe gibt. Beim Kauf am Standl oder im carla-Shop lässt sich Kleidung direkt prüfen, online braucht es Fotos und Beschreibung. Ein paar Punkte helfen, Fehlkäufe zu vermeiden:
- Material und Verarbeitung prüfen: Naturfasern und solide Nähte halten länger als dünne Mischgewebe; Pilling, ausgeleierte Bündchen und dünn gewordene Stellen sind Warnzeichen.
- Auf Marke und Originalmaße achten: Konfektionsgrößen variieren stark, gerade bei älterer oder internationaler Ware lohnt der Blick auf zentimetergenaue Angaben.
Darüber hinaus gilt: Bei Onlineplattformen geben Bewertungen anderer Käufer einen Anhaltspunkt zur Verlässlichkeit der Verkäufer, und bei höherpreisigen Markenstücken schützt der über die Plattform abgewickelte Käuferschutz vor Totalverlust. Wer Qualität statt Schnäppchenmenge sucht, fährt langfristig besser – ein gut verarbeitetes gebrauchtes Stück übertrifft das billige neue oft deutlich an Lebensdauer.
Was bleibt
Secondhand-Mode hat sich in Österreich von der karitativen Randerscheinung zum normalen Konsumweg entwickelt, getragen von Flohmärkten, einem dichten Netz sozialer Shops und Plattformen wie willhaben und Vinted. Der ökologische Gewinn ist real, aber an eine Bedingung geknüpft: Er entsteht dort, wo gebrauchte Kleidung neue ersetzt und nicht bloß zusätzlich gekauft wird. Gleichzeitig macht der wachsende Textilmüll deutlich, dass Wiederverwendung allein das Problem nicht löst, solange am anderen Ende des Marktes immer mehr kurzlebige Ware produziert wird. Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt der gebrauchte Kauf eine der praktischsten Möglichkeiten, beim Kleiderschrank Ressourcen und Geld zu sparen – am wirksamsten dann, wenn er mit einem bewussteren Blick auf die Menge einhergeht.